Wer übernimmt die Verantwortung…

von Lars Weber

Wer übernimmt die Verantwortung, wenn Technologie von der zweiten zur ersten Natur des Menschen wird? Lars Weber über die Aufrecht­erhaltung des menschlichen Maßstabs in einer technologisch dominierten Epoche und über die Idee eines hippokratischen Eids für Technologie-Anbieter.

Spätestens seit der industriellen Revolution ist unser Leben von Technologie bestimmt. Ihre Anforderungen formten den Tagesablauf, das soziale Leben und letztlich auch die Gesellschaften. Erst noch analog und sperrig – als Telefon oder Fernseher – folgte die Informations-Technologie, bis schließlich die digitale Revolution minimalisierte Geräte wie Smartphones und allgegenwärtige Medien wie das Internet schuf. Sie prägen unser Verhalten heute so stark, dass sie uns zur zweiten Natur wurden.Nun stehen wir also ausgestattet mit Handy, digitalisierter Mobilität und Wearables mitten im Internet der Dinge und stellen fest, dass dies erst der Anfang ist. Während wir uns noch fragen, ob die digitalen Helfer wie Menschen denken, denken wir schon längst wie sie. Das beginnt damit, dass wir 150 Mal täglich den Bildschirm unserer Smartphones checken, um sie schließlich sogar noch mit ins Bett zu nehmen. Es geht weiter mit unserer Selbstbespiegelung im Internet und es führt auch dazu, dass der Einzelne als Datensatz rund um die Welt verkauft wird, ja als solcher für digitale Verwerter erst seinen eigentlichen Wert gewinnt.

Doch auch das ist nur der Anfang. Ein weiterer Schritt lässt sich in der deutlich erhöhten digitalen Kompetenz unserer Kinder erkennen. Meist haben sie ihre Persönlichkeitsentwicklung schon im Schoß der digitalen Technologie vollzogen. Ein wenig so, wie ein Pianist seine mentale und motorische Entwicklung an sein Instrument anpasst, sobald er im Kindesalter zu üben anfängt. Technologie bestimmt also Verhalten und Wahrnehmung, Echokammern entstehen und der Waldspaziergang lässt sich durch Augmented Reality mit Wissen über Eichelhäher und Buntspecht anreichern, während sie noch durchs Bild fliegen.

Digitale Anbieter dringen in alle Lebensbereiche vor und definieren sie neu. Wie wir mittlerweile wissen und nicht nur ahnen, tun sie das mit dem erklärten Ziel, digitales Nutzungsverhalten zu Suchtverhalten zu machen. All dies lässt sich jedoch noch als Technologie betrachten, die dem Menschen von außen begegnet, die er am Körper trägt, die manchmal sogar Daten aus seinem Körper bezieht, aber an dieser Grenze vorläufig haltmacht.

Doch dort bleibt sie natürlich nicht stehen. Aus VR-Brillen werden Kontaktlinsen, die uns virtuelle Welten oder auch ermahnende Gesundheitswerte einspielen. Exoskelette lassen Lahme wieder gehen und individualisierte Nahrung und Medizin werden uns von selbst-lernenden Systemen verabreicht, die vielleicht bald als Nanotechnologie in unseren Körpern bleiben, um etwa bei einem Schlaganfall sofort eingreifen zu können.

Was vor wenigen Jahren wie Science Fiction erschien, wird heute Teil unserer täglichen Selbstoptimierung. Trotz kritischer Lippenbekenntnisse wollen wir doch eigentlich auch nicht mehr anders leben. Jedenfalls nicht ständig. Wir wählen, was sich gut anfühlt und was uns zu nützen scheint.

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Selbst wenn digitale Systeme zu einer Art gesellschaftlichem Zwang werden, wie heute schon das Smartphone, bleiben wir diesem Muster treu. Erst wenn wir nicht mehr wählen können, wenn etwa implantierte Identitäts- oder Gesundheitschips zur Pflicht werden, zeigt sich Technologie als unausweichlicher Faktor. Spätestens dann wird sie zur ersten Natur des Menschen. Sie widerfährt ihm und entzieht sich seiner persönlichen Kontrolle, auch weil er sie selbst nicht mehr grundlegend versteht.

Schon heute nutzen wir viele Anwendungen, die wir nicht wirklich begreifen. Viel wichtiger ist uns, dass sie uns plausibel erscheinen. Dass wir zum Beispiel glauben, eine soziale Plattform würde unser Sozialleben befördern, was oft nicht so ist. Dass wir hinnehmen, ständig erreichbar zu sein, obwohl das der menschlichen Natur, die zwischen Anspannung und Entspannung wechselt, widerspricht. Und dass wir überzeugt sind, immer mehr Daten über unser eigenes biologisches System würden zu einer Verbesserung dieses Systems führen.

Wir erwarten vor allem, dass sich Technologie vertraut anfühlt und vergessen dabei leicht: Sie fühlt sich umso vertrauter an, je mehr sie über uns weiß, und je vertrauter sie sich anfühlt, desto mehr kann sie künftig über uns herausfinden – desto besser kann sie folglich unser Verhalten vorhersehen und lenken. Wir brauchen und lieben Technologie, können aber oft nicht mehr selbst erkennen, wo die Grenze zwischen angenehmem Nutzen für uns selbst und umfassender Kontrolle durch technologische Systeme verläuft. Allein der Anbieter von Technologie erfasst heute noch vollständig, welchen Auswirkungen sich der einzelne Nutzer aussetzt. Darum ist es Zeit, umzudenken.

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Im digitalen Dschungel sollte nicht der Nutzer technologische Übergriffe durchschauen müssen, sondern der Anbieter selbst muss einen technologischen Anstand entwickeln, der sich am menschlichen Maß und an der Integrität seiner Kunden orientiert. Diese Verantwortung wird umso größer, je tiefer Technologie in die menschliche Natur eingreift. Wo Technologie zur ersten Natur des Menschen wird, sollten Unternehmen und ihre Marken dem Einzelnen nicht nur technisch zur Verfügung, sondern auch behütend zur Seite stehen.

Ganz anders als im wirtschaftlichen Konkurrenzkampf geht es hier nicht um „Survival of the fittest“, sondern um
die Aufrechterhaltung des menschlichen Maßstabs in einer technologisch dominierten Epoche. Anders gesagt: Wer seine Kunden vollständig digitalisiert, vernetzt und die Grenze zwischen Körper und Technik auflöst, der hat auch neue Pflichten für Körper und Seele des Kunden. Vielleicht werden schon bald viele Unternehmen eine eigene Strategie für diese neuartige, den Kunden beschirmende Form der Verantwortung entwickeln. Als Ausgangspunkt und Maßstab hierfür könnte aber schon heute ein hippokratischer Eid für Technologie-Anbieter dienen.

Shoulders 01–2018 gibt es hier als ePaper.

Kontakt:

Lars Weber
lwe@kleinundplaecking.com

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